Junckers Problem mit den Frauen

Die EU-Kommission ist noch nicht mal fertig gebildet und stolpert schon in ihren ersten Skandal. Eigentlich wollte Jean-Claude Juncker mit Hilfe des Kommissionsteams sein Image aufpolieren. Doch sein Frauen-Coup könnte peinlich enden.

Kritiker lästern, die Wahl des ehemaligen Luxemburger Regierungschefs zum neuen EU-Kommissionspräsident sei nun nicht gerade ein frischer Wind für die Europäischen Union. Deshalb hat Juncker gleich zu Beginn versprochen: Diese, seine, Kommission werde viel moderner, jünger und vor allem weiblicher als die vorherige. Unter seinem Vorgänger José-Manuel Barroso waren neun von 28 Kommissionsmitgliedern Frauen. Zu wenig, schimpfte Juncker und peilte öffentlichwirksam eine Quote von mindestens 40 Prozent an. Jedes der 28 EU-Länder hat Anspruch auf einen Posten. Sie sollten nun bitte zwei bis drei Namen bis August einreichen, darunter mindestens eine Frau.
Doch die Nominierungsfrist lief an diesem Donnerstag aus und das Ergebnis ist – soweit bekannt – desaströs: bisher haben lediglich Tschechien und Schweden eine Frau nominiert. Italien hat am Freitag nachgelegt und will mit ihrer Außenministerin Federica Mogherini gerne die künftige EU-Außenbeauftragte stellen, die bisherige bulgarische Kommissarin könnte ihr Amt behalten – das wars. Dabei hatte Juncker vorab sogar versprochen, weibliche Kommissare mit besonders wichtigen Aufgaben zu betreuen. Doch den meisten Staaten ist das offensichtlich egal, ganz vorneweg den Deutschen. Angela Merkel nominierte erneut den bisherigen Energie-Kommissar Günther Oettinger. Auch Frankreich und England – die Engländer stellten bisher immerhin die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton – nominierten Männer. Obwohl die offizielle Frist am Donnerstag abgelaufen ist, sind fünf Posten noch frei: Slowenien, Belgien, die Niederlande, Portugal und Rumänien haben noch keine Namen eingereicht. Nicht alle Namen werden gleich veröffentlicht, doch es ist extrem unwahrscheinlich, dass die alte Quote von neun Posten, geschweige denn das neue Ziel von mindestens 11 Frauen noch erreicht wird.
Das Ganze bringt Juncker auch strategisch ins Schwitzen: das Frauen-Projekt entspringt nämlich nicht nur seinem Gender-Bewusstsein. Er weiß auch sehr genau, dass jeder einzelne Kommissar vom EU-Parlament durchgewunken werden muss. Und dass die Parlamentarier eine fast ausschließlich männlich besetzte Kommission akzeptieren werden, ist sehr unwahrscheinlich. Das EU-Parlament tritt oft als Vorkämpfer der Gleichberechtigung auf, ließ in der Vergangenheit auch schon mal einen männlichen Kandidaten für einen wichtigen Posten durchfallen, weil der eigentlich an eine Frau gehen sollte. Aber auch das Parlament selbst glänzt nicht unbedingt mit seinen Zahlen: gerade mal 37 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Immerhin nimmt hier die Zahl von Wahl zu Wahl zu.
Klar, man kann das Posten-Geschacher ausschließlich als erste Machtprobe verstehen, mit der die EU-Staaten Juncker zeigen, dass sie nationale Belange auch weiterhin über EU-Interesse stellen werden. Dass dabei aber eine solche Männerrunde herauskommt, ist kein Zufall.In Top-Positionen wird die Luft für Frauen extrem dünn, das gilt in der Politik genauso wie in der Wirtschaft. Da hilft es auch nicht, dass die EU-Kommission eine schicke Charta unterschrieben hat, nach der sie die Gleichberechtigung ganz besonders fördern will. Auf dem Papier mag das stimmen, doch die Realität ist eine ziemlich peinliche Veranstaltung.
Und den wenigen Frauen, die sich in den EU-Ämtern behaupten, wird es nicht leicht gemacht. Die Luxemburgerin Viviane Reding, unter Barroso Kommissions-Vize-Chefin (sie scheidet wegen der Nominierung ihres Landsmanns Juncker automatisch aus dem Club der 28 aus), war in den vergangenen Jahren quasi die einzige weibliche Kommissarin, die größere öffentliche Debatten angestoßen hat – und bekam dafür ordentlich Gegenwind. Für eine Forderung wurde sie von ihren Kollegen und dem Rat der Regierungschefs besonders hart bekämpft: Die Einführung einer europaweiten Frauenquote.

Ps: Dieser Text ist auch in Frauen-Business-Magazin bizzmiss erschienen http://bizzmiss.de/business-life/junckers-problem-mit-den-frauen/

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